Neue Auftraggeber

Die Neuen Auftraggeber, das sind sie.

Die Neuen Auftraggeber, das sind wir alle: Menschen, die sich zusammentun, um sich selbst eine Stimme und ihren Anliegen eine Form zu geben. Zu lange konnten sich nur wenige das Privileg leisten, ein Kunstwerk in Auftrag zu geben. Heute wollen wir, dass das jeder kann. Bürgerinnen und Bürger arbeiten gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern daran, etwas Neues zu vollbringen: Kunstwerke, die sie brauchen, die etwas verändern und in der Gesellschaft sichtbar werden. Wer sich und anderen zeigen möchte, wo es klemmt, was er will und worauf er hofft, kann zum Auftraggeber einer Kunst werden, die nicht nur in Museen zu Hause ist, sondern im eigenen, unmittelbaren Lebensumfeld. Die Gesellschaft der Neuen Auftraggeber schafft den Rahmen dafür und unterstützt Bürger, Künstler und Kooperationspartner bei der Beauftragung, Finanzierung und Ausführung ambitionierter Projekte.

Die Neuen Auftraggeber, das sind sie.

Das Modell

Die Auftraggeber

Jeder, der dies wünscht, kann sich alleine oder gemeinsam mit anderen an einen Vermittler wenden (die bei uns Mediatoren heißen) und zum Auftraggeber werden, zum Initiator und verantwortlichen Teilhaber eines Projektes. Wo Kunst fehlt, gebraucht wird, etwas ändern soll, da helfen die Mediatoren, den Auftrag zu formulieren und einen geeigneten Künstler zu finden, der ihn ausführt. Es ist der Beginn eines Dialogs, an dessen Ende ein Werk steht.

Der Mediator

Der Mediator ist ein Kenner der zeitgenössischen Künste. Er begleitet die Auftraggeber vom Anfang bis zum Ende und achtet darauf, dass ihre Interessen ebenso respektiert werden wie die Freiheit der Künstler und die Qualität des entstehenden Kunstwerks. Er weiß, wie man ein Projekt erfolgreich durchführt, wie man es finanziert und technisch umsetzt. Er garantiert, dass öffentliche und private Subventionen richtig eingesetzt werden.

Der Künstler

Der Künstler muss nicht nur zu dem Auftrag passen, sondern auch zu den Auftraggebern. Denn er führt den Auftrag nicht einfach aus, er interpretiert ihn, lässt sich darauf ein und entwickelt so Ideen für ein Werk. Er trägt die Verantwortung für die Formen seiner Kunst, die oft mehr Fragen aufwerfen und beantworten als am Anfang gestellt wurden.

Das Werk

Das Werk kann jegliche Form annehmen. Ob als Musik, Theater, Film, Architektur oder Skulptur auf dem Marktplatz. In der Regel gehört es der Öffentlichkeit: einer Kommune, einem Verein oder einer Schule. Je überzeugender das Werk aber auch für Kunstliebhaber und -fachleute ist, desto mehr Menschen werden darüber sprechen, schreiben, und es sehen wollen.

Brauchen wir Kunst?

Ist Kunst überflüssig oder notwendig? Bei den Neuen Auftraggebern sind wir überzeugt, dass Kultur kein Luxus ist. In einer Demokratie sollte jeder die Initiative ergreifen und sagen können, welche Kunst wir brauchen und warum. Dann wird sie vielleicht auch für diejenigen wertvoll, die bislang nichts mit ihr am Hut hatten. Denn Kunst weckt unsere Vorstellungskraft und unseren Sinn für Zusammenhänge. Sie formt unser Bild von der Welt und von uns selbst. Kunst deckt Konflikte auf, zeigt aber auch, wie wir leben könnten, und bringt uns zum Umdenken. Wir fragen die Gesellschaft, was sie von sich selbst und von ihrer Kunst erwartet. Und ermöglichen zugleich Künstlerinnen und Künstlern, neue Antworten zu entwickeln.

Eine neue Kulturtechnik

Dem renommierten Soziologen und Philosophen Bruno Latour zufolge wird mit den Neuen Auftraggebern ein neues Kapitel der Kunst- und der Sozialgeschichte aufgeschlagen. Es ist ein kulturpolitisches Novum, dass Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft die Nachfolge privater und öffentlicher Patrone antreten und die Entstehung zeitgenössischer Kultur zu ihrer eigenen Sache machen. Auslöser der Auftragsprojekte sind dabei meist soziale, politische und kulturelle Themen, derer sich andere gesellschaftliche Instanzen ungenügend annehmen, die für die Menschen aber dringlich sind und eine künstlerische Auseinandersetzung nahelegen. Mehr zum kulturwissenschaftlichen Hintergrund der Neuen Auftraggeber.

Das Protokoll

1990 schrieb der Künstler François Hers in Paris das Protokoll der Neuen Auftraggeber. Es wurde die Gründungsakte einer zunächst französischen, später europäischen und heute internationalen Bewegung. Immer mehr Menschen schließen sich ihr an: Kuratoren und Dorfbewohner, Bürgermeister und Künstler, Jugendliche und Wissenschaftler und viele mehr. Das Protokoll regelt die Rollen und Verantwortlichkeiten aller Beteiligten, die zusammenkommen, um ein Kunstwerk zu schaffen, gleich welches es sei. Seinem juristischen Status nach ist das Protokoll von François Hers selbst ein Kunstwerk, das sich im Sinne der Open Source-Idee jeder aneignen kann, der seine Spielregeln respektiert.

Das Protokoll der Neuen Auftraggeber

Das Protokoll der Neuen Auftraggeber beschreibt die Rollen verschiedener Akteure und ihre jeweilige Verantwortung in einem gemeinsamen Prozess, der die Entstehung von Kunstwerken jedweder Art zum Ziel hat.

  • Dieses Protokoll eröffnet ausnahmslos jedem Menschen an jedem Ort der Zivilgesellschaft die Möglichkeit, allein oder im Zusammenschluss mit anderen Verantwortung für den Auftrag an eine Künstlerin oder einen Künstler zu übernehmen, ein Kunstwerk zu schaffen. Es obliegt dabei dem Auftraggeber, sich über die Notwendigkeit von Kunst klar zu werden und zu begründen, warum die Gemeinschaft in sie investieren soll.
  • Dieses Protokoll schlägt Künstlerinnen und Künstlern vor, Formen zu finden und zu gestalten, die ohne Einschränkungen auf die verschiedenste Art und Weise auf die Bedürfnisse der Gesellschaft antworten können – und damit eine Rollenverteilung zu akzeptieren, die das künstlerische Schaffen zu einer kollektiven und nicht allein zu einer privaten Verantwortung macht.
  • Den Mediatoren, deren Aufgabe darin besteht, Kunstwerke und Öffentlichkeit miteinander zu verbinden, empfiehlt das Protokoll, das gleiche mit Menschen zu tun: mit der Künstlerin, dem Auftraggeber und jedem anderen Akteur, der sich beteiligt. Der Mediator organisiert ihre Zusammenarbeit. Er bringt die erforderlichen Kenntnisse mit, um das richtige Medium und einen geeigneten Künstler auszuwählen, und er verfügt über die notwendigen Fähigkeiten, um das Gelingen einer künstlerischen Produktion zu gewährleisten, die den Ansprüchen des Auftrags ebenso gerecht wird wie den gestalterischen Ambitionen.
  • Der Mediator kann auch als öffentlicher Produzent auftreten und künstlerische Initiativen aufgreifen, wenn er der Meinung ist, dass sie sich einer zeitgenössischen Herausforderung stellen.
  • Das Protokoll schlägt den gewählten Volksvertretern und den Verantwortlichen in privaten und öffentlichen Einrichtungen vor, in die Entwicklung einer „Initiativdemokratie“ zu investieren und die politische Vermittlung zu leisten, damit das Kunstwerk seinen Weg in die Gemeinschaft finden kann, für die es vorgesehen ist. Sie können auch persönlich die Verantwortung für einen Auftrag übernehmen, der auf ein kollektives Bedürfnis reagiert.
  • Das Protokoll schlägt Forscherinnen und Forschern unterschiedlicher Fachrichtungen vor, ihren Beitrag dazu zu leisten, dass die Notwendigkeit von Kunst deutlich wird, Aktivitäten in einem breiteren Zusammenhang betrachtet und ihre jeweiligen Umstände und Herausforderungen allgemein verständlich werden.

Indem alle Akteure darin übereinkommen, Verantwortung gemeinsam und gleichberechtigt zu übernehmen, erklären sie sich auch einverstanden, Spannungen und Konflikte, wie sie im öffentlichen Leben einer demokratischen Gemeinschaft notwendig entstehen, durch Verhandlungen miteinander zu lösen.

Das Kunstwerk — nunmehr selbst ein Akteur des öffentlichen Lebens — ist nicht länger nur Sinnbild künstlerischer Individualität, sondern Ausdruck des Willens autonomer Personen, ein Gemeinwesen zu bilden, indem sie der zeitgenössischen Kreativität kollektive Bedeutung verleihen.

Finanziert durch private und öffentliche Subventionen, wird das Kunstwerk zum Gemeinschaftseigentum. Sein Wert entspricht nicht mehr dem Marktwert, sondern liegt in dem Gebrauch, den die Gemeinschaft von ihm macht, und in der symbolischen Relevanz, die sie ihm beimisst.

François Hers, 1990