Neue Auftraggeber

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Die Neuen Auftraggeber, das sind Sie.

Neue Auftraggeber sind Menschen, die etwas verändern wollen. Sie beauftragen Künstlerinnen und Künstler damit, Kunstwerke zu entwickeln, die in ihrer Stadt oder ihrem Dorf Antworten auf drängende Fragen geben. Unterstützt durch Mediatoren formulieren sie einen Auftrag und stoßen Projekte an, die zum Ausdruck bringen, was ihnen wichtig ist. Tausende Bürgerinnen und Bürger haben so bereits unübersehbare Zeichen gesetzt und sich und ihrer Gemeinschaft eine Stimme gegeben.

Meist stehen am Anfang offene Fragen: Was ist mir wichtig? Was soll sich vor meiner Haustür verändern? Wo werden meine Wünsche nicht gehört? Was fehlt in unserem Lebensumfeld? Wovor verschließen wir die Augen? Und wie finden wir als Gemeinschaft zusammen?
Das alles muss zunächst nichts mit Kunst zu tun haben. Ob sich drei Krankenschwestern einen Andachtsraum für Gläubige aller Religionen wünschen oder Physiker die Schönheit der Mathematik darstellen wollen, ob Obdachlose sich die ideale Unterkunft erträumen oder hundert Schüler vor ihrer Schule einen Strand anlegen möchten – aus jedem Wunsch und jeder Phantasie kann ein Auftrag werden. Und auch für den ungewöhnlichsten Auftrag lässt sich eine künstlerische Antwort finden.

Der Weg dahin beginnt mit Ihnen. Denn die Neuen Auftraggeber, das sind Sie! Unsere Mediatorinnen und Mediatoren sind als Vermittler für Sie da, um Ihr Anliegen aufzugreifen und zu verstehen, und um Sie durch Ihr Projekt zu begleiten. Sie hören Ihnen zu und suchen für Ihren Auftrag eine passende Künstlerin oder einen Künstler, mit denen Sie unmittelbar zusammenarbeiten. So wird im direkten Dialog aus Ihrer Idee ein Kunstwerk, das oft auch für viele andere Menschen Bedeutung hat.

Die Gesellschaft der Neuen Auftraggeber schafft den Rahmen dafür und unterstützt Bürgerinnen, Künstler und Kooperationspartner bei der Beauftragung, Finanzierung und Ausführung der Projekte. Was dabei entsteht, sind gemeinnützige, öffentliche und nicht kommerzielle Kulturgüter.

Hier finden Sie fünf Projektbeispiele.

Manchmal steht ein Kunstwerk der Neuen Auftraggeber tatsächlich als Skulptur auf dem Marktplatz. Oft aber nimmt die Kunst ganz ungewöhnliche Formen an. Vom Spielplatz bis zur Opernkomposition, von der Schulgestaltung bis zum Theaterstück kann ein Werk der Neuen Auftraggeber fast jede Gestalt annehmen. Es kann ein Lied sein oder eine Website, ein Film oder ein botanischer Garten. Den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt.

Auf dem Weg zum fertigen Werk kann viel Unvorhergesehenes geschehen. Menschen kommen zusammen, die sich vorher nicht kannten. Sie tauschen Meinungen aus, die zuvor nicht zu hören waren. Die Zusammenarbeit mit erfahrenen Künstlern bringt neuen Wind in Initiativen, Vereine oder Gemeinden. Ein Projekt der Neuen Auftraggeber bringt viele Überraschungen mit sich und ist immer auch eine Reise ins Unbekannte.

Neue Auftraggeber engagieren sich auf dem Dorfplatz und im Rathaus, in der Unimensa, im Jugendzentrum und beim Arbeitslosentreffpunkt. Sie wohnen in ländlichen Regionen oder in urbanen Zentren, im Einfamilienhaus oder im Plattenbau.

Dabei arbeiten die Neuen Auftraggeber stets politisch unabhängig. Im Mittelpunkt ihrer Projektarbeit stehen immer die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Niemand gibt Themen oder Ziele von oben vor. Denn wer, wenn nicht Sie, weiß was vor Ort wichtig ist? Wünsche und Visionen entstehen deshalb immer lokal und gemeinschaftlich ­­– nur so kommt es zu einem wertvollen Beitrag zum demokratischen Zusammenhalt sowie auch zur zeitgenössischen Kunstproduktion.

Die Neuen Auftraggeber, das sind Sie.

Das Protokoll

Die Idee der Neuen Auftraggeber stammt von dem Künstler François Hers. Er schlug 1990 in Frankreich eine neue Methode vor, mit der Bürger und Künstler auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Seine Forderung lautete, die Kunst aus dem Museum heraus und in den Alltag der Menschen zu bringen. Sein Protokoll der Neuen Auftraggeber beschreibt das Vorgehen für eine neue Kunst im Bürgerauftrag. Es wurde zum Grundstein einer europäischen und heute internationalen Bewegung. Immer mehr Menschen schließen sich ihr an: Museumsleute und Dorfbewohnerinnen, Bürgermeister und Künstler, Jugendliche und Wissenschaftlerinnen und viele mehr. Das Protokoll regelt die Rollen und Verantwortlichkeiten aller Beteiligten, die zusammenkommen, um ein Kunstwerk zu schaffen, von dem am Anfang niemand weiß, wie es aussehen wird.

Das Protokoll der Neuen Auftraggeber

Das Protokoll der Neuen Auftraggeber beschreibt die Rollen verschiedener Akteure und ihre jeweilige Verantwortung in einem gemeinsamen Prozess, der die Entstehung von Kunstwerken jedweder Art zum Ziel hat.

  • Dieses Protokoll eröffnet ausnahmslos jedem Menschen an jedem Ort der Zivilgesellschaft die Möglichkeit, allein oder im Zusammenschluss mit anderen Verantwortung für den Auftrag an eine Künstlerin oder einen Künstler zu übernehmen, ein Kunstwerk zu schaffen. Es obliegt dabei dem Auftraggeber, sich über die Notwendigkeit von Kunst klar zu werden und zu begründen, warum die Gemeinschaft in sie investieren soll.
  • Dieses Protokoll schlägt Künstlerinnen und Künstlern vor, Formen zu finden und zu gestalten, die ohne Einschränkungen auf die verschiedenste Art und Weise auf die Bedürfnisse der Gesellschaft antworten können – und damit eine Rollenverteilung zu akzeptieren, die das künstlerische Schaffen zu einer kollektiven und nicht allein zu einer privaten Verantwortung macht.
  • Den Mediatoren, deren Aufgabe darin besteht, Kunstwerke und Öffentlichkeit miteinander zu verbinden, empfiehlt das Protokoll, das gleiche mit Menschen zu tun: mit der Künstlerin, dem Auftraggeber und jedem anderen Akteur, der sich beteiligt. Der Mediator organisiert ihre Zusammenarbeit. Er bringt die erforderlichen Kenntnisse mit, um das richtige Medium und einen geeigneten Künstler auszuwählen, und er verfügt über die notwendigen Fähigkeiten, um das Gelingen einer künstlerischen Produktion zu gewährleisten, die den Ansprüchen des Auftrags ebenso gerecht wird wie den gestalterischen Ambitionen.
  • Der Mediator kann auch als öffentlicher Produzent auftreten und künstlerische Initiativen aufgreifen, wenn er der Meinung ist, dass sie sich einer zeitgenössischen Herausforderung stellen.
  • Das Protokoll schlägt den gewählten Volksvertretern und den Verantwortlichen in privaten und öffentlichen Einrichtungen vor, in die Entwicklung einer „Initiativdemokratie“ zu investieren und die politische Vermittlung zu leisten, damit das Kunstwerk seinen Weg in die Gemeinschaft finden kann, für die es vorgesehen ist. Sie können auch persönlich die Verantwortung für einen Auftrag übernehmen, der auf ein kollektives Bedürfnis reagiert.
  • Das Protokoll schlägt Forscherinnen und Forschern unterschiedlicher Fachrichtungen vor, ihren Beitrag dazu zu leisten, dass die Notwendigkeit von Kunst deutlich wird, Aktivitäten in einem breiteren Zusammenhang betrachtet und ihre jeweiligen Umstände und Herausforderungen allgemein verständlich werden.

Indem alle Akteure darin übereinkommen, Verantwortung gemeinsam und gleichberechtigt zu übernehmen, erklären sie sich auch einverstanden, Spannungen und Konflikte, wie sie im öffentlichen Leben einer demokratischen Gemeinschaft notwendig entstehen, durch Verhandlungen miteinander zu lösen.

Das Kunstwerk — nunmehr selbst ein Akteur des öffentlichen Lebens — ist nicht länger nur Sinnbild künstlerischer Individualität, sondern Ausdruck des Willens autonomer Personen, ein Gemeinwesen zu bilden, indem sie der zeitgenössischen Kreativität kollektive Bedeutung verleihen.

Finanziert durch private und öffentliche Subventionen, wird das Kunstwerk zum Gemeinschaftseigentum. Sein Wert entspricht nicht mehr dem Marktwert, sondern liegt in dem Gebrauch, den die Gemeinschaft von ihm macht, und in der symbolischen Relevanz, die sie ihm beimisst.

François Hers, 1990