Neue Auftraggeber

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Pilotphase mit der Kulturstiftung des Bundes

Seit Frühjahr 2017 entwickeln wir in ausgewählten Regionen öffentliche Kunstprojekte mit Bürgerinnen und Bürgern, die selbst die Initiative ergreifen und Werke der zeitgenössischen Kunst in Auftrag geben. Ziel ist es, das neue Modell einer Kunst im Bürgerauftrag in Deutschland zu konsolidieren und in ein Netzwerk europäischer Partnerschaften einzubinden.

Mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes werden sind in der Flächenlandregion Mecklenburg-Vorpommern/ Brandenburg und der Industrieregion Rheinland/ Ruhrgebiet zunächst mit fünf Mediatorinnen und Mediatoren und fünf Partnerinstitutionen aktiv, die in den kommenden Jahren als Ankerpunkte den Projekten regionalen Rückhalt geben und die Mediatoren bei ihrer Arbeit unterstützen. Deren Aufgabe ist es, lokale Entwicklungen und Bedürfnisse zu verstehen, das Modell der Neuen Auftraggeber den Menschen in den Regionen vorzustellen, und Bürgerinnen und Bürgern, die diese Initiative ergreifen wollen, bei der Beauftragung und Produktion eines Werkes behilflich zu sein.

Nach und nach werden in einem stetig wachsenden Netz von Partnerschaften Projekte entstehen, die Menschen bewegen und mobilisieren, und die zu Ergebnissen führen, die sowohl sozial wie auch künstlerisch den Anspruch formulieren, Gesellschaft mitzugestalten. Wir haben das schon oft gemacht und vertrauen sowohl dem Engagement der BürgerInnen wie auch dem der KünstlerInnen. In Europa haben die Neuen Auftraggeber bereits über 500 Projekte verwirklicht – jetzt wollen wir im Verbund mit zivilgesellschaftlichen, finanziellen und politischen Partnern zeigen, dass auch in Deutschland der Bedarf an einer zeitgenössischen Kunst groß ist, die sich den Aufgaben der Gegenwart stellt, die neue Allianzen eingeht und neue öffentliche Kulturgüter in die Welt bringt, die den Menschen etwas bedeuten.

Koordiniert werden diese Aktivitäten von dem Berliner Büro der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, das seit Mai 2017 seinen Sitz am Tempelhofer Damm 2 in Berlin hat. Dort arbeitet ein Team an der Koordination des Programms in Deutschland und in Europa sowie an Veranstaltungsformaten, u.a. einem internationalen Kongress der Neuen Auftraggeber in 2019 in Berlin.

Regionen und Ankerpunkte

In unserer Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes konzentrieren wir uns in Deutschland derzeit auf zwei Modellregionen, die sich beide in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel befinden, der jedoch unterschiedlich verläuft und verschiedene Herausforderungen mit sich bringt. Dabei sollen Projektstrukturen sowohl in urbanen Verdichtungsräumen als auch in Flächenlandregionen entstehen, in Gebieten mit vergleichsweise hoher und vergleichsweise geringer kultureller wie sozialer Infrastruktur. Wir wollen in so unterschiedlichen Problemlagen wie dem post-industriellen Wandel im Ruhrgebiet und den Transformationsprozessen entlang der deutsch-polnischen Grenze methodische Werkzeuge erarbeiten und Erfahrungen sammeln, die sich dann modellhaft auf verschiedenste Regionen Deutschlands und Europas übertragen lassen. Dabei schließen wir an Handlungsmodelle an, die in Frankreich, Italien und Belgien bereits in ähnlich heterogenen Räumen entwickelt wurden, wo die Neuen Auftraggeber in Ballungsräumen wie Turin oder Marseille ebenso aktiv waren wie in ruralen Landschaften im Burgund. Die enge Zusammenarbeit zwischen unserem Berliner Büro, den regionalen MediatorInnen und unseren Partnerinstitutionen, den „Ankerpunkten“, soll nachhaltige Infrastrukturen aufbauen und den Weg für künftige Programme und Projekte der Neuen Auftraggeber ebnen. Die Ankerpunkte sind dabei regionale Anschlussstellen und Kommunikationszentren für die Projektarbeit der MediatorInnen, BürgerInnen und KünstlerInnen.

Die Modellregionen

Flächenlandregion Nord-Ost
Mecklenburg-Vorpommern
und Brandenburg

Flächenlandregion Nord-Ost
Mecklenburg-Vorpommern
und Brandenburg

Nord-Ostdeutschland ist eine Flächenlandregion in einem tiefgreifenden Wandel. Dabei steht sich eine Abwanderung aus dörflichen Gemeinschaften der zurückgewonnenen Prosperität einiger Mittelzentren gegenüber. Die erste Abwanderungswelle als Reaktion auf Betriebsschließungen, Arbeitslosigkeit, Unterschiede im Lohngefüge hat aber bereits Orte und Regionen zurückgelassen, in denen nicht nur Infrastruktur schwindet, sondern auch die kulturelle Identität stark erodiert, zumal in Kleinstädten und ländlichen Regionen bis zur Wende kulturelle Praxis häufig weitgehend an Betriebe gebunden war, die heute nicht mehr existieren oder stark geschrumpft sind. Der beschriebene Identitätswandel wird bundesweit besonders dort auffällig, wo er zuweilen an politischen Radikalisierungen ablesbar wird. Nicht weniger tiefgreifend wirkt sich die Entwicklung auf den lokalpolitischen Diskurs, die Verhandlung lokaler Zukunftsvisionen und die Neudefinition der Gründe, das lokale Gemeinwesen weiterzuentwickeln und umzugestalten.

Industrieregion im Wandel West
Nordrhein-Westfalen / Ruhrgebiet

Industrieregion im Wandel West
Nordrhein-Westfalen / Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet durchlebt bereits zum wiederholten Male eine Welle industriellen Rückbaus. Gleichzeitig steigt die Überschuldung städtischer Haushalte, freiwillige kulturelle Leistungen müssen reduziert werden und die Spaltung der größeren Städte in stabile bürgerliche Bezirke und strukturschwache Problembezirke nimmt zu, was verschiedentlich auch mit politischer Radikalisierung einhergeht. Das Aufeinandertreffen alter und neuer Migrationsgruppen bleibt dabei nicht immer konfliktlos. Gleichzeitig ist die Identifikation der Einwohner mit ihrer Region hoch. Dennoch ist das Selbstbild immer noch von jahrelangen defensiven Argumentationsmustern geprägt. Künstlich konstruierte Konversions-Denkmale wie Landschaftsparks musealisieren die Geschichte der Region, ohne dass nach außen ersichtlich wäre, wie neue solidarische Strukturen, Zukunftsvisionen, die Entwicklung städtischer Problemzonen zu einem zukunftsweisenden Selbstbild städtischer Standorte zusammengeführt werden können.

Ankerpunkte

Schloss Bröllin

Schloss Bröllin

Die weitläufigen Gutsgebäude des Schloss Bröllin in Mecklenburg-Vorpommern liegen in der deutsch-polnischen Grenzregion etwa 40 km westlich von Stettin und 130 km nördlich von Berlin. Der Schloss Bröllin e.V. wurde 1992 von kreativen Köpfen und engagierten Menschen gegründet und wurde zu einem internationalen Produktionsforum für experimentelles Theater. Ein Artist-in-Residence- Programm bietet Probenstätten und Unterkunft für Produktionen und Ensembles; zusätzlich werden Workshops, Festivals, regionale Ausstellungen und Symposien organisiert. Der Verein setzt sich aktiv für die Kunstproduktion, die regionale Vernetzung, die kulturelle Jugendarbeit, das Mitwirken in der nationalen und internationalen Kulturszene sowie den Erhalt der historischen Gebäude ein. Über 500 Tanz-, Theater- und Performanceprojekte wurden auf Schloss Bröllin produziert und anschließend regional, bundesweit und international aufgeführt. Als Ankerpunkt der Neuen Auftraggeber kann Schloss Bröllin an diese Erfahrungen anknüpfen und dabei seinen methodischen und geografischen Handlungsradius erweitern und die Projektarbeit in Vorpommen und in der polnisch-deutschen Grenzregion begleiten.

Museum Abteiberg

Museum Abteiberg

Das Museum Abteiberg in Mönchengladbach verfügt nicht nur über eine herausragende Sammlung und Museumsarchitektur, die Institution hat auch einen langfristigen Prozess angestoßen, in dem sie sich neu erfinden und zur Stadtgesellschaft und dem urbanen Raum hin öffnen will. Museumsdirektorin Susanne Titz führt das Haus seit 2004. Sie betont den besonderen Stellenwert des Museums, das inmitten des wirtschaftlichen und demografischen Strukturwandels mit vielen Projekten in die Stadt hinein wirke und als Ankerpunkt der Neuen Auftraggeber neue Modelle der Bürgerpartizipation anregen und umsetzen kann. In der Begründung zur Auszeichnung „Museum des Jahres 2016“ der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA wurde das Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach wegen seiner „hervorragenden Sammlungsbestände“ internationaler Kunst vor allem seit den 1960er Jahren, einer „inhaltlich fundierten Zusammenarbeit mit bedeutenden Privatsammlungen“ sowie kontinuierlich hochkarätigen Ausstellungen herausgestellt, die das Haus zu „einer der führenden Adressen für Gegenwartskunst in Deutschland“ machten. Das von Hans Hollein entworfene, 1982 eröffnete Museumsgebäude sei zudem ein „weltweit anerkannter Meilenstein postmoderner Museumsarchitektur“.

Brandenburgischer
Kunstverein Potsdam e.V

Brandenburgischer
Kunstverein Potsdam e.V

Der Brandenburgische Kunstverein Potsdam hat seit seinem Standortwechsel 2011, hinaus aus einem Loft für Eingeweihte und hinein in den Bürgergarten Freundschaftsinsel, seine Arbeit neu definiert. Die Freundschaftsinsel ist ein Schmelztiegel aller denkbaren Besuchergruppen: Von der Anwohnerin aus der Altenresidenz bis zum außereuropäischen Touristen reicht das Publikum des BKV, der ebenso großen Wert auf niedrigschwellige Vermittlungsformen legt wie auf hohe künstlerische Qualität. Der langjährige künstlerische Leiter Gerrit Gohlke sieht den Verein auf der Freundschaftsinsel als Modellprojekt für den direkten Dialog mit dem Publikum und hat die Arbeit des Vereins zugleich auf die ländlichen Regionen Brandenburgs ausgeweitet. Als ein Partner der Neuen Auftraggeber entwickelt der BKV bereits seit 2010 Projekte mit internationalen Künstlern und Bürgern brandenburgischer Regionen, und er hat mit der Kunst für ländliche Standorte Brücken zwischen dem Kunstbetrieb und dem regionalen Umland geschlagen. Als Ankerpunkt der Neuen Auftraggeber wird der BKW an seine Erfahrungen und erfolgreichen Pionierprojekte anknüpfen.

Kunstverein Schwerin
für Mecklenburg und Vorpommern e.V

Kunstverein Schwerin
für Mecklenburg und Vorpommern e.V

Der Kunstverein Schwerin wurde 2002 gegründet, um ein Forum für zeitgenössische bildende Kunst zu etablieren. Seither wurden diverse Ausstellungen und Projekte realisiert, zunächst an unterschiedlichen Orten wie leerstehenden Ladenlokalen oder dem Schweriner Dom. Heute ist der Kunstverein in den ehemaligen Industriehallen des E-Werks am Pfaffenteich zu Hause. Seit Oktober 2015 ist Andreas Wegner künstlerischer Leiter und Geschäftsführer. Er hat das ambitionierte Profil des Vereins weiter ausgebaut und sieht in der Funktion als Ankerpunkt der Neuen Auftraggeber die Chance, die Öffnung des Vereins für das gesamte Bundesland (die auch in der Namensänderung deutlich wird) weiterzuentwickeln und durch Pilotprojekte Modellstrukturen zu fördern, die ein breiteres Verständnis für kulturelle Produktion und Identität in den Regionen wecken. Der Kunstverein Schwerin ist eine Institution, die einen solche programmatischen Aufbruch verkörpert, in politischen Strukturen Wirkung entfaltet und sich zugleich bürgerschaftlich definiert.

Pilotphase mit der Kulturstiftung des Bundes