Neue Auftraggeber

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Bericht aus der Praxis: Daniela Medina Poch

Mediatorin, Kolumbien

Daniela Medina Poch ist eine in Kolumbien geborene, in Berlin lebende Künstlerin, die gern forscht und schreibt. Sie absolviert derzeit den Masterstudiengang Art in Context an der Universität der Künste und hat hierdurch das Protokoll der Neuen Auftraggeber kennengelernt – dessen Methode stark mit ihrer künstlerischen Praxis korrespondiert.

Im Juni 2020 stellte sie gemeinsam mit dem lokalen Mediator und Spezialisten Felipe Medina und einer intergenerationellen Gruppe von 11 Personen die Weichen für einen Auftrag in Barichara, Kolumbien. Seitdem beschäftigt sie sich mit dem Protokoll und interessiert sich insbesondere für die Übersetzungen, die es annehmen könnte, um endogene Aufträge zu ermöglichen oder einen Wechsel anzustoßen – von alten Auftraggebern zu neuen Arbeitsstrukturen.

Für Im Auftrag – Kunst in Beziehung haben internationale Mediator*innen über die Bedeutung des Protokolls der Neuen Auftraggeber für Ihre Arbeit nachgedacht: Das Protokoll der Neuen Auftraggeber kann prinzipiell an jedem Ort der Welt in die Praxis umgesetzt werden, da es nichts weiter tut als eine Weise zu beschreiben, in der Menschen zusammenarbeiten können. Alle Entscheidungen werden dabei lokal von unabhängigen Akteuren getroffen. Zudem ermöglicht das Protokoll nicht nur Projekte der zeitgenössischen Kunst, sondern auch wissenschaftliche Forschungsaufträge, ebenso wie Theaterproduktionen, Musik, Architektur und vieles mehr.

Doch wie universell ist das Protokoll, das in europäischen Zusammenhängen, vor dem Hintergrund einer französischen Kulturpolitik um 1989 entstanden ist, tatsächlich? Wie wird es in verschiedenen Regionen Europas, aber auch in Kamerun, Kolumbien, dem Libanon und Tunesien interpretiert und ggf. adaptiert? Wie ändern unterschiedliche historische, kulturelle und politische Hintergründe die Perspektiven einer Kunst im Bürgerauftrag und die konkrete Arbeit von Mediator*innen? Können diese empfehlen, das Protokoll auch in Gesellschaften aufzugreifen, in denen es bislang keine Rolle spielt?

Über diese Fragen haben die Mediator*innen mit Blick auf ihre eigene Praxis nachgedacht. Ihre Texte erscheinen nun in dieser Reihe.

Das Protokoll der Neuen Auftraggeber als pluriversale rhizomatische Bewegung

Die Neuen Auftraggeber von Barichara

Mediator Felipe Medina mit der Auftraggebergruppe während einer Übung zum kreativen Schreiben zur Entwicklung des Auftragstextes.

Foto: Alun Medina Barichara, Sept. 2020

In einem kürzlich abgehaltenen Seminar unter der Leitung von Alexander Koch, dem Direktor der Neuen Auftraggeber in Deutschland, diskutierten wir darüber, ob die Neuen Auftraggeber darauf hinarbeiten sollten, eine internationale Institution zu werden oder ob sie sich vielmehr zum Ziel setzen sollten, eine globale Bewegung mit mehreren kleineren oder größeren unabhängigen Organisationsstrukturen zu werden. Für Erwägungen dazu, welche Rolle das Protokoll der Neuen Auftraggeber in Zukunft einnehmen wird, ist diese Frage unerlässlich. Mich persönlich interessiert eher die zweite Option: Projekte umgesetzt nach dem Protokoll der Neuen Auftraggeber als planetarische Bewegung. Als Bewegung besitzen sie ihr eigenes Leben, ihre eigene Möglichkeit sich zu verändern das Protokoll zu integrieren. Als Bewegung erkennen sie ihren Entstehungskontext an, sind aber auch in der Lage, sich von ihm zu lösen.

Es sei daran erinnert, dass Universalität ein historisches Instrument war, um bestimmte Logiken, Narrative und Hierarchien durchzusetzen und sie als objektiv, natürlich und daher unbestreitbar erscheinen zu lassen. Insofern würde ich lieber von Pluriversalität sprechen oder, wie die mexikanischen Zapatistas vor 27 Jahren, von einer Welt, in der viele Welten koexistieren 1. Innerhalb dieser Vision gibt es keine hegemoniale Wahrheit, keine Objektivität und auch nicht die eine Geschichte; es gibt vielmehr plurale, nicht-hegemoniale Wahrheiten, Subjektivität und Geschichten.

Jede Bewegung, die darauf aus ist, planetarisch zu werden, sollte auf sich selbst schauen und fragen, ob sie andere Welten in sich zulässt. Ob sie eine strukturelle Anpassung an die lokalen Bedürfnisse, Visionen und Besonderheiten der Orte erlaubt, die sie erreichen will. Zugleich sollte alles, was anstrebt, planetarisch zu werden, sich darüber bewusst sein, wo und unter welchen Bedingungen und Umständen es entstanden ist.

Luftansicht von Kolumbien – Barichara Santander

Foto: Pablo Andrés Ortega. Barichara, Nov. 2012

Das Protokoll der Neuen Auftraggeber entstand im Frankreich der frühen 1990er-Jahre, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer und in der Amtszeit von François Mitterrand als Staatspräsident Frankreichs. Neben anderen Faktoren mögen auch diese den belgischen Fotografen und Künstler François Hers dazu veranlasst haben, sich eine Kunst der Demokratie vorzustellen, eine Kunst, die wieder in der Gesellschaft verankert wäre – eine signifikante Machtverschiebung, für die 30 Jahre später viele unserer Herzen schlagen.

Nun haben die Begriffe Kunst, Zivilgesellschaft und Demokratie in Frankreich, Deutschland oder Kolumbien nicht dieselben Konnotationen. Soll aber das Protokoll der Neuen Auftraggeber an anderen Orten Anwendung finden, sollten diese lokalen Ausprägungen unbedingt anerkannt und berücksichtigt werden. In Kolumbien beispielsweise steht, aufgrund eines gewissen Misstrauens gegenüber dem Öffentlichen, der Begriff Bürgerschaft nicht für die wichtigste Form der Gemeinschaftlichkeit. Weit präsenter sind persönliche, emotional verbindliche Netzwerke, comunidades und Kooperativen sowie andere Formen des Zusammenschlusses. Eine regionale Übersetzung des Protokolls würde diese Aspekte bei der Bildung von Kommissionsgruppen im Blick behalten, bei Anfragen nach finanzieller Unterstützung und auch in dem Verständnis, wie Konsens und Dissens vor Ort funktionieren.

Begreifen wir das Protokoll als Bewegung, so können wir es vielleicht auch als eine Open-Source-Methode verstehen. Es mag dann zwar weniger Kontrolle darüber geben …, aber wäre das nicht auch irgendwie interessant? Aufgefasst als Bewegung und Open-Source-Methode wird das Protokoll vermutlich örtliche Einrichtungen und kontextspezifische Kriterien auf den Plan rufen, Basisfaktoren endotischer Prozesse, die in Resonanz mit den lokalen Möglichkeiten und Herausforderungen reagieren können. Darüber hinaus könnte die Aneignung, Verinnerlichung und mögliche Neuinterpretation des Protokolls als Methode dafür sorgen, dass es lebendig und in Resonanz bleibt, was wiederum verschiedene Formen der Sichtbarkeit ermöglicht, unerwartete Finanzierungsquellen aktiviert und eine organische und rhizomatische Ausbreitung der von den Neuen Auftraggebern entwickelten Prozesse in Gang setzen dürfte.

Die symbolische Lösung von einer Blaupause würde potenziell bedeuten, dass das Protokoll nicht mehr „exportiert“, sondern vielmehr in verschiedenen Kontexten „aktiviert“ würde. Diese Aktivierungen sind nicht von einem „Original“ abgeleitet, sondern in ihren jeweiligen Besonderheiten selbst originär. Dies wäre eine Möglichkeit, den Neuen Auftraggebern mehr Relevanz als Ansatz, Methode oder Denkweise denn als Institution zu verleihen. Im Übrigen würde es einen horizontalen Dialog ermöglichen zwischen den aktiven Projekten des Protokolls, einen Austausch, der den Netzwerken gewiss zugutekäme.

Barichara, Mai 2014

Foto: Omar Andrés Díaz Sotomonte

Als Institution freilich ist das Protokoll der Neuen Auftraggeber in der Lage, Initiativen zusammenzubringen, ihnen eine Stimme zu geben und sie in ein breiteres planetarisches Gespräch einzubinden. Das kann strategisch geschickt sein in Bezug auf die Sichtbarkeit und bei der Beantragung von Fördermitteln. In dieser Hinsicht bietet sich dem Protokoll eine interessante Möglichkeit, zur Umverteilung von Privilegien und Chancen beizutragen – eine auf einem ungerechten Planeten notwendige Arbeit. Nichtsdestotrotz sollten gönnerhafte und assistenzialistische Ansätze vermieden werden. Wenn das Protokoll stattdessen darauf abzielt, eine planetarische Machtumverteilung anzustoßen, ist Nahbarkeit in Kombination mit lokalem Handlungsbewusstsein entscheidend.

Eine weitere zu untersuchende Frage ist die, inwieweit sich die Rolle der Künstler*innen in den außerhalb Europas erarbeiteten Auftragsvergaben neu definieren lässt. Bislang sind die in der Regel aus dem Ausland kommenden Künstler*innen in der Verantwortung, eine unkonventionelle Lösung für die jeweilige Aufgabenstellung zu entwickeln. Eine glänzende Gelegenheit für Künstler*innen, direkt mit Gemeinschaften zu arbeiten und Kunst als Werkzeug für eine dialogische Auseinandersetzung mit bestimmten Zusammenhängen zum Einsatz zu bringen. Die Künstler*innen hören zu und beraten sich mit der Gemeinschaft, und in vielerlei Hinsicht entscheidet die Gemeinschaft, welche Künstler*innen sie braucht, das letzte Wort aber haben im Allgemeinen die Künstler*innen. Welche anderen Rollen und Formen der künstlerischen Intervention sind denkbar? Wann sollte das Hauptziel sein, zeitgenössische Kunst zugänglich zu machen, und wann sollte es darum gehen, Kunst als Werkzeug für sozialen Wandel zu nutzen? Concomitentes zum Beispiel, das spanische Programm der Neuen Auftraggeber, ist als soziales Projekt angelegt, das letztlich von der Zivilgemeinschaft geleitet wird. Auch beim Auftrag Liberté pygmée in Bifolone in Kamerun hat die Dorfgemeinschaft selbst die künstlerische Intervention entwickelt. Das eröffnete die Möglichkeit zu etwas so noch nicht Angedachtem. Es besteht also nicht nur die Option, ein Kunstwerk zum Gemeinschaftswerk zu machen, das von einer Gemeinschaft geteilt und verwaltet wird, sondern durchaus auch die, die Herstellung von Kunst zu vergemeinschaften.

Zu guter Letzt denke ich, dass das Protokoll auch im Zuge solcher Prozesse wie dieses Schreibens planetarisch werden kann: durch offene Dialoge, um für Möglichkeiten, Reibungen und Kritiken empfänglich zu sein und sie anzugehen. Diese Porosität, diese Durchlässigkeit bietet eine Möglichkeit, die potenziellen blinden Flecken des Protokolls zu benennen und über Optionen nachzudenken. Durchlässigkeit stellt eine Möglichkeit dar, demokratisch (im Sinne von Dissens) zu sein, und sie schafft Offenheit für die Übersetzungen. Dabei sei hier hervorgehoben, dass diese Ausführungen nicht darauf abzielen, die aktuellen Ansätze zu entkräften oder auszuklammern. Sie sind vielmehr Ausdruck eines Versuchs, die gegenwärtigen Möglichkeiten zu erweitern und Rahmenbedingungen von Aufträgen aufzuzeigen, in denen viele Welten koexistieren können.

(Übersetzung: Britta Schröder)

1 Enlace Zapatista, CUARTA DECLARACIÓN DE LA SELVA LACANDONA [VIERTE ERKLÄRUNG AUS DER SELVA LACANDONA], 1. Januar 1996, siehe: https://enlacezapatista.ezln.org.mx/1996/01/01/cuarta-declaracion-de-la-selva-lacandona/

Weil ich mich jetzt dazu autorisiert fühlen würde…

Dieser erstmals auf Deutsch vorliegende Text der Philosophin Isabell Stengers fächert anhand des Projektes Das Waschhaus von Blessey das demokratische Potenzial des Modells Neue Auftraggeber auf. Ihr Beitrag beschreibt, wie sich zivilgesellschaftliche Gruppen im Prozess der Beauftragung und Umsetzung von Kunstwerken selbst ermächtigen und sich der eigenen gesellschaftlichen Gestaltungskraft bewusst werden.

Das Projekt Das Waschhaus von Blessey wurde zwischen 1997 und 2007 im Auftrag der Bürger*innen des Dorfes Blessey im französischen Burgund in Zusammenarbeit mit dem Künstler Remy Zaugg und dem Mediator Xavier Douroux umgesetzt. Es gilt als eines der beeindruckendsten Projekte in der 30-jährigen Geschichte der Neuen Auftraggeber. Der Dokumentarfilm The New Patrons of Blessey, in dem die Auftraggeber*innen auf das Projekt zurückblicken, bildet einen wesentlichen Ausgangspunkt für Stengers Überlegungen.

Die belgische Philosophin Isabelle Stengers, geb. 1949, wurde bekannt für ihre Arbeiten mit dem russisch-belgischen Chemiker und Nobelpreisträger 1977 Ilya Prigogine. Später richtete sie ihr Interesse verstärkt auf die Wissenschaftsgeschichte und -Philosophie. Sie hat viel beachtete Schriften über Alternativen zu positivistischen autoritären Wissenschaftsmodellen verfasst. Dabei hat sie sich auf Philosoph*innen wie Gilles Deleuze, Alfred North Whitehead, Donna Haraway und Michel Serres berufen sowie mit dem französischen Philosophen und Soziologen Bruno Latour gearbeitet.

Der Text entstand ursprünglich für die Publikation Faire art comme on fait société (les presses du réel). Der 2013 herausgegebene Reader umfasste erstmals ein breites Feld theoretischer Perspektiven auf das Programm der Neuen Auftraggeber. 2017 erschien die adaptierte und ergänzte englischsprachige Ausgabe Reclaiming Art. Reshaping Democracy (les presses du réel).

Bericht aus der Praxis: Susanne Burmester

Susanne Burmester arbeitet seit 1993 als Kuratorin, Journalistin und Projektmanagerin auf der Insel Rügen. Seit 2017 ist sie Mediatorin der deutschen Pilotphase der Neuen Auftraggeber für die Region Mecklenburg-Vorpommern und begleitet dort aktuell drei Bürgergruppen. In Greifswald haben die Auftraggeber*innen Daniel Knorr eingeladen, ein Kunstwerk zu entwickeln, Antje Majewski erarbeitet einen Entwurf für das Dorf Wietstock und in Kasnevitz auf Rügen ist ein Auftrag in Arbeit.

Für Im Auftrag – Kunst in Beziehung haben internationale Mediator*innen über die Bedeutung des Protokolls der Neuen Auftraggeber für Ihre Arbeit nachgedacht: Das Protokoll kann prinzipiell an jedem Ort der Welt in die Praxis umgesetzt werden, da es nichts weiter tut als eine Weise zu beschreiben, in der Menschen zusammenarbeiten können. Alle Entscheidungen werden dabei lokal von unabhängigen Akteuren getroffen. Zudem ermöglicht das Protokoll nicht nur Projekte der zeitgenössischen Kunst, sondern auch wissenschaftliche Forschungsaufträge, ebenso wie Theaterproduktionen, Musik, Architektur und vieles mehr.

Doch wie universell ist das Protokoll, das in europäischen Zusammenhängen, vor dem Hintergrund einer französischen Kulturpolitik um 1989 entstanden ist, tatsächlich? Wie wird es in verschiedenen Regionen Europas, aber auch in Kamerun, Kolumbien, dem Libanon und Tunesien interpretiert und gegebenenfalls adaptiert? Wie ändern unterschiedliche historische, kulturelle und politische Hintergründe die Perspektiven einer Kunst im Bürgerauftrag und die konkrete Arbeit von Mediator*innen? Können diese empfehlen, das Protokoll auch in Gesellschaften aufzugreifen, in denen es bislang keine Rolle spielt?

Über diese Fragen haben die Mediator*innen mit Blick auf ihre eigene Praxis nachgedacht. Ihre Texte erscheinen nun in dieser Reihe.

Bericht aus der Praxis: Atelier des Jours à Venir

Die Autor*innen dieses Textes Claire Ribrault, Maria Pothier und Livio Riboli-Sasco arbeiten im Atelier des Jours à Venir als Trainer*innen, Mediator*innen und Forschende. Atelier des Jours à Venir ist eine gemeinnützige Kooperative aus Frankreich, die sich zum Ziel gesetzt hat, sowohl Forschung, als auch lokale Bürgergemeinschaften durch den Austausch von Wissenspraktiken zu stärken.

Es entwickelt Schulungen für Studierende und lebenslanges Lernen für akademische Forscher*innen, um sie zu einer aktiven, kreativen, reflexiven und verantwortungsvollen Wissenschaftspraxis zu ermutigen. Dabei fördert es die Vermittlung von wissenschaftlichen Bürgerprojekten mit starkem sozialem Engagement, bei denen das Teilen der Praxis und der Werte von Forschungsgemeinschaften Bürger*innen insbesondere in sozial benachteiligten Kontexten stärkt.

Für Im Auftrag – Kunst in Beziehung haben internationale Mediator*innen über die Bedeutung des Protokolls der Neuen Auftraggeber für Ihre Arbeit nachgedacht: Das Protokoll kann prinzipiell an jedem Ort der Welt in die Praxis umgesetzt werden, da es nichts weiter tut als eine Weise zu beschreiben, in der Menschen zusammenarbeiten können. Alle Entscheidungen werden dabei lokal von unabhängigen Akteuren getroffen. Zudem ermöglicht das Protokoll nicht nur Projekte der zeitgenössischen Kunst, sondern auch wissenschaftliche Forschungsaufträge, ebenso wie Theaterproduktionen, Musik, Architektur und vieles mehr.

Doch wie universell ist das Protokoll, das in europäischen Zusammenhängen, vor dem Hintergrund einer französischen Kulturpolitik um 1989 entstanden ist, tatsächlich? Wie wird es in verschiedenen Regionen Europas, aber auch in Kamerun, Kolumbien, dem Libanon und Tunesien interpretiert und ggf. adaptiert? Wie ändern unterschiedliche historische, kulturelle und politische Hintergründe die Perspektiven einer Kunst im Bürgerauftrag und die konkrete Arbeit von Mediator*innen? Können diese empfehlen, das Protokoll auch in Gesellschaften aufzugreifen, in denen es bislang keine Rolle spielt?

Über diese Fragen haben die Mediator*innen mit Blick auf ihre eigene Praxis nachgedacht. Ihre Texte erscheinen nun in dieser Reihe.

Kunstaufträge im Lauf der Geschichte

Der Philosoph und langjährige theoretische Wegbegleiter der Neuen Auftraggeber Bruno Latour beleuchtet im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Joseph Leo Koerner die Geschichte der Auftragskunst unter besonderer Berücksichtigung des Bürgerauftrags bis zu seinen aktuellsten Formen.

Das aufgezeichnete Gespräch liegt erstmals auf Deutsch vor. Es entstand ursprünglich für die Publikation Faire art comme on fait société (les presses du réel). Der 2013 herausgegebene Reader umfasst ein breites Feld theoretischer Perspektiven auf das Programm der Neuen Auftraggeber. 2017 erschien die adaptierte und ergänzte englischsprachige Ausgabe Reclaiming Art. Reshaping Democracy (les presses du réel).

Bruno Latour (*1947) ist französischer Soziologe und Philosoph mit einem Schwerpunkt in der Wissenschaftsgeschichte. Er lehrte an verschiedenen internationalen Universitäten, zuletzt an der Science Po Paris und ist einer der Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie. Latour ist ein einflussreicher Denker unserer Zeit. Seine Schriften wurden, übersetzt in zahlreiche Sprachen, zu Grundlagenwerken verschiedener theoretischer Auseinandersetzungen, etwa im Diskurs um den Klimawandel. Am ZKM Karlsruhe wirkte er als Kurator an ikonischen Ausstellungsprojekten mit. Latour war von Beginn an ein wichtiger Unterstützer der Neuen Auftraggeber.

Joseph Leo Koerner (*1958) ist ein amerikanischer Kunsthistoriker und Filmemacher. Er ist Professor für Kunst- und Architekturgeschichte und Senior Fellow, Society of Fellows, an der Harvard University. Nach dem Studium der Philosophie und der englischen und deutschen Literatur wechselte Koerner durch seine Arbeit über Caspar David Friedrich zur Kunstgeschichte und verlagerte seinen Forschungsschwerpunkt auf die europäische Kunst von der Renaissance bis zur Gegenwart. Er hat mit Bruno Latour an einer Reihe von Ausstellungen im ZKM Karlsruhe mitgearbeitet.

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